Pop Universell e.V.

Panel: Meine Miete steigt, also brennt Dein Auto!

01.06.10 in Archiv 2010

Freitag, 7. Mai 2010, 18 Uhr: Meine Miete steigt, also brennt Dein Auto!
Noch keine brennenden Autos in Leipzig!

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Das Phänomen Gentrifizierung ist in vielen deutschen Großstädten bereits Realität. Der post-industrielle Wandel hat kreative Freiräume eröffnet, seit einigen Jahren verändert jedoch eine zuziehende, vermögendere Klientel das Mietpreisniveau und die soziale Struktur der Viertel. Zum Verhältnis von Kreativwirtschaft, Gentrifizierung und Stadtplanung diskutierten Dr. Silke Steets, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Darmstadt, Karsten Gerkens, Leiter des Amtes für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung der Stadt Leipzig, Christoph Twickel, freier Journalist und Autor aus Hamburg und Mitinitiator des Manifests „Not In Our Name, Marke Hamburg“, Uwe Rada, Redakteur der taz für Stadtentwicklung sowie Ariane Jedlitschka, freischaffende Künstlerin und Mitbegründerin der Essential Existence Gallery in Leipzig (EEG) im Rahmen der Leipzig (Pop Up unter der Überschrift „Meine Miete steigt, also brennt Dein Auto!“.
Ausgehend von den Hamburger Erfahrungen mit Gentrifizierungsprozessen forderte Christoph Twickel ein „Recht auf Stadt“, von dem insbesondere prekäre Bevölkerungsschichten aufgrund ökonomischer Sachzwänge mehr und mehr ausgeschlossen seien. Konkret an die Politik richteten sich Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum, Recht auf öffentlichen Zugang und Mitsprache bei geplanten Städtebauprojekten.
In Hinblick auf das Verhältnis von Gentrifizierung und Stadtplanung fügte Uwe Rada an, dass sich in der Regel unterschiedliche Nutzungsansprüche an Stadt gegenüber stünden, die sich in der Regel nur schwer miteinander vereinbaren lassen würden. Stadtplanungspolitik würde daher oft nicht über eine „Renaissance der Innenstädte“ hinaus gehen, die Versuche verschiedene soziale Gruppen in den Prozess einzubeziehen bezeichnete Rada als „Feuerwehrpolitk“.
Gegenüber der Situation in Hamburg habe man in Leipzig nach den politischen Umwälzung 1989/90 zunächst mit Leerstand zu kämpfen gehabt, insofern seien die beiden Fälle nicht zu ohne Weiteres zu vergleichen, sagte Karstens Gerkens. In Hinblick auf eine zukünftige Stadtentwicklungspolitik gelte es, das kreative Image Leipzigs der Stadt zu bewahren, so Gerkens weiter: Das „Betrachten, was da ist“ sei die „Leipziger Linie“ in der Stadtentwicklungspolitik, räumte aber ein, das Verdrängung sich nicht immer vermeiden lasse.
Demgegenüber sprach sich Silke Steets dafür aus, dass kreative Freiräume auch über Gentrifizierungsprozesse hinweg erhalten bleiben sollte. Diese „Räume des Dazwischen“ gelte als experimentellen Schutzraum zu bewahren, sie seien „nutzungsoffen“ und würden Raum für Fragen wie „Was ist Stadt“ und „Wie wollen wir Leben“ bieten.
Auch Ariane Jedlitschka plädierte für die Erhaltung kreativer Räume, machte aber zugleich darauf aufmerksam, dass in Leipzig bereits eine Verdrängung von kreativen Räumen zu beobachten sei. Insbesondere die prekäre Situation vieler Kulturschaffender, die zugleich aber auch Aufwertungsprozesse in Stadtvierteln begünstigen und einleiten, mache es notwendig, neue Beteiligungs- und Aneignungsmodelle wie bspw. die Initiative www.deinfeld.de zu entwickeln. Darüber hinaus betonte Jedlitschka, dass die Beteiligung an Stadtentwicklungsprozessen ein wichtiger Aspekt stadtteilbezogener Identifikationsprozesse sei.

Panel: I love my iComm

01.06.10 in Archiv 2010

Samstag, 8. Mai 2010, 17 Uhr: I love my iComm
Musik im Netz – Social und trotzdem kaum Geld

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„Social Music Networks auf dem Weg zur besitzlosen Gesellschaft“ lautete das Thema eines Panels bei der (POP UP Leipzig. Neue digitale Plattformen, Services und Tools, so das Fazit der Runde, machten den zu verteilenden Kuchen für Musikschaffende zwar größer und gleichzeitig die Verteilung breiter – allerdings nicht gerechter. Verdienen tun abermals nur die Großen.

„Wer wird hier eigentlich besitzlos“, wollte Moderator Sascha Kösch vom Magazin De:Bug in seiner Eingangsfrage wissen und gab der Diskussion damit gleich die Richtung vor. Es sind vor allem die Musiker und Labelmacher. Und das, obwohl nahezu alle Zuhörer der gut besuchten Diskussion noch Platten kaufen. Matthias Schaffhäuser, Musiker und Macher der Labels Ware Records stellte trotzdem fest: „Digital kann Vinyl nicht auffangen.“ Allerdings: Was viel im Netz und damit bekannt sei, würde auch mehr gekauft, wusste Schaffhäuser aus Gesprächen zu berichten.

Dass Musik im Netz nicht immer legal oder mindestens rechtlich grenzwertig ist, konnten Jan Kühn und Matthias Kandel vom Berlin Mitte Institut bestätigen. Die beiden produzieren Radio- und Web-TV-Shows und präsentieren Musik vor allem aus der Berliner Technoszene. Ihr Projekt verstehen sie auch als Online-Promotion für Offline-Events. Es gebe, nach Meinung von Kühn, längst eine informelle Übereinkunft aller Beteiligten. Es brauche lediglich einen politischen Rahmen.

Franka Stenzel, Anwältin für Urheber- und Medienrechte, empfahl dennoch, in solchen Konstellationen immer den Kontakt zu den beteiligten Musikern und Labels zu suchen und sich die Rechte freigeben zu lassen. „Für junge Musiker und Bands ist es nicht mit einem myspace-Auftritt getan“, berichtete Stenzel weiter. Homepage, CDs. T-Shirts und Marketing seien ebenso Bausteine für den Erfolg wie Durchhaltevermögen und mehr als ein guter Song.

„Neue Bands müssen eigentlich agieren wie ein Start-Up“, bestätigte David Noël vom Musiknetzwerk SoundCloud. Dazu gehöre eben auch, in rechtlichen Fragen fit zu sein.
Die neuen Möglichkeiten von Social Music Netzwerken als Chance begreifen wollte Mitbegründer der Musikplattform Simfy.de, Christoph Lang. Mit seiner Plattform plant er künftig Geld zu verdienen mit allerlei mobilen Zusatzfeatures als Premiumdiensten.

Matthias Schaffhäuser brachte am Ende auf den Punkt, warum noch heute über das Thema geredet wird: „Die Industrie ist schuld!“ All diese Shops hätten schon längst installiert sein können, spätestens mit dem Aufkommen von Napster. „Das war 1999!“

Panel: Ich scheiß auf Deine Biographie

01.06.10 in Archiv 2010

Samstag, 8. Mai 2010, 15 Uhr: Ich scheiß auf Deine Biographie
Auch wenn die Mützen variieren

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Auf der diesjährigen (Pop Up wurde heute der Gegensatz zwischen Kunstfiguren und authentischen Künstlerpersönlichkeiten diskutiert. Dazu hatten die (Pop Up-Macher eine ganze Reihe Gäste eingeladen: Torsten Seif (Buback Records, Manager der Band Deichkind), Dr. Ralf von Appen (Musikwissenschaftler), Theresa Stroetges (Künstlerin, Musikwissenschaftlerin), Amos (Imperator of Pop) und Rummelsnuff (Künstler), durch das sehr lebendige Gespräch führte der Journalist Stefan Mühlenhoff.

Amos, der sich selbst als Kunstfigur versteht, stellte gleich zu Anfang die Frage, ob denn die Verkörperung von Authentizität ausschließlich positiv zu bewerten sei: Schließlich sei es ja auch Aufgabe des Künstlers, zu unterhalten. Eine Kunstfigur erlaube außerdem vielfach größere Freiheit als die authentische Darstellung der eigenen Persönlichkeit: „Du musst nicht laufend checken: Würde ich das tun?, und kannst eine Idee viel konsequenter verfolgen.“ , so der Imperator of Pop. Er sagte, dass aber auch Kunstfiguren nur dann glaubhaft und erfolgreich dargestellt werden können, wenn sie eine Facette der Persönlichkeit des Künstlers darstellen würden.

Der Musikwissenschaftler Ralf von Appen wies darauf hin, dass Authentizität angesichts der medialen Vermitteltheit der Künstler ohnehin nur sehr eingeschränkt möglich sei. Einigkeit herrschte recht schnell darüber, dass Authentizität vor allem eine Zuschreibung durch die Fans ist. „Man interpretiert als junger Fan in die Künstler hinein, dass sie leben, was sie sagen“, sagte Torsten Seif.

Rummelsnuff hingegen, der die Bühne etwas später als die anderen Diskutanten, dafür aber mit einer Live-Performance betrat, erklärte, er würde sich nicht als Kunstfigur sehen. „Das ist keine Inszenierung, das ist das, was aus mir herauskommt.“, sagte er. Und: „Ich halte mich für authentisch – auch wenn die Mützen variieren.“

Auch Theresa Stroetges betonte, dass Authentizität vor allem Zuschreibung sei, und an der Frage hänge, ab sich die Fans mit dem Künstler Identifizieren könnten. Am Beispiel der Band Radiohead zeigte sie drei Faktoren auf, die das Bild von Authentizität prägen würden: Identifikation, persönliches Leiden und Verweigerung dem Kommerz gegenüber. Dies seien aber ebenfalls Zuschreibungen.

So habe Radiohead-Sänger Thom Yorke in einigen Interviews sogar bestritten, authentisch zu sein, was aber seine Glaubwürdigkeit in den Augen seiner Fans nur erhöht habe. Und auch die Kommerzverweigerung sei, so Schulke, letztlich nur ein Verkaufsargument. Deichkind-Manager Seif bemerkte, dass ab einer gewissen Größenordnung der Begriff authentisch auch nur Marketing sei.

Ralf von Appen fasste ein Teilergebnis zusammen: „Womit wir uns identifizieren können, wird als authentisch wahrgenommen.“ In einer zunehmend unsicheren Welt, gebe es eine gesteigerte Nachfrage nach Authentizität, allerdings aufgrund der medialen Vermittlung von Künstlern zunehmend weniger Angebote. Auch Castingshows wie DSDS seien dazu da, Authentizität zu vermitteln – selbst wenn keine da sei.